Die israelische Mannschaft
15 israelische Athletinnen und Athleten konnten sich für die Olympischen Spiele in München qualifizieren. Gemeinsam mit ihren Trainern bereiteten sie sich auf die Wettkämpfe vor.
Die Mitglieder der israelischen Mannschaft stammten aus verschiedenen Ländern und waren zum Teil erst wenige Jahre oder Monate zuvor nach Israel gekommen. Einige von ihnen hatten kurz vor den Olympischen Spielen die israelische Staatsangehörigkeit angenommen, um teilnehmen zu können ‒ der Höhepunkt einer jeden sportlichen Karriere.
Die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, mag nicht für alle Mitglieder der israelischen Delegation leicht gewesen sein. Einige von ihnen waren dem Nationalsozialismus nur knapp entkommen, viele ihrer Angehörigen hatten die Shoah nicht überlebt.
Wenige Tage vor dem Beginn der Olympischen Spiele reisten die 27 Mitglieder der israelischen Delegation nach München. Zuvor hatte es im Ausland zahlreiche Anschläge auf israelische Einrichtungen und israelische Staatsbürgerinnen und -bürger gegeben. Dennoch gab es keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen für das israelische Team.
Ein Großteil der israelischen Sportler bezog Appartements in der Connollystraße 31 im Olympischen Dorf; die Athletinnen waren in einiger Entfernung untergebracht. Mehrfach äußerten Delegationsmitglieder Bedenken hinsichtlich der Sicherheit, da Teile der Appartements im Erdgeschoss lagen. Einzelne Sportlerinnen und Sportler befürchteten Anschläge, gingen jedoch davon aus, dass die zuständigen Sicherheitsbehörden entsprechende Vorkehrungen getroffen hätten.
Am 26. August 1972 wurden die XX. Olympischen Spiele in München feierlich eröffnet. Athletinnen und Athleten aus 121 Nationen zogen in das neu gebaute Olympiastadion ein. Der Sportschütze Henry Hershkovitz führte mit der blau-weißen Fahne Israels die 27 Mitglieder der israelischen Delegation an.
Einen Tag zuvor hatte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau eine Gedenkfeier für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus stattgefunden. Hershkovitz und viele andere israelische Sportlerinnen und Sportler nahmen teil. Nur wenige Tage später wurde Hershkovitz Zeuge, wie ein palästinensisches Kommando zwei seiner Kameraden tötete und neun andere als Geiseln nahm.
Zunächst jedoch starteten die „heiteren Spiele" wie geplant. In den Wettkämpfen der Gewichtheber schied David Berger früh aus. Ze’ev Friedman erreichte den zwölften Platz in seiner Gewichtsklasse. Yossef Romano musste aufgrund eines Sehnenrisses vorzeitig seinen Wettkampf abbrechen. Yakov Springer begleitete die Wettkämpfe der Gewichtheber als Kampfrichter. Der Ringer Eliezer Halfin erreichte die Gruppenphase. Mark Slavin bereitete sich, unterstützt von Trainer Moshe Weinberg, auf seinen ersten Wettkampf im Ringen am 5. September vor.
Yossef Gutfreund nahm als Kampfrichter der Ringer teil. Henry Hershkovitz und Zelig Shtorch traten als Sportschützen an, betreut von ihrem Trainer Kehat Schor. Die Läuferin Esther Shahamorov qualifizierte sich mit Unterstützung ihres Trainers Amitzur Shapira für das Halbfinale im Hürdenlauf. Die Fechter Dan Alon und Yehuda Weinstain erreichten jeweils das Achtelfinale, ihr Trainer Andrei Spitzer begleitete sie.
Vorabend
Den Vorabend des 5. September verbrachten die meisten israelischen Sportlerinnen und Sportler in der Münchner Innenstadt. Im Deutschen Theater hatten sie das Musical „Anatevka" gesehen und während der Pause ein Gruppenfoto mit dem bekannten israelischen Schauspieler Shmuel Rodensky gemacht.
Es sollte die letzte gemeinsame Aufnahme der israelischen Delegation sein. Kurz nach Mitternacht fuhren die Sportlerinnen und Sportler zurück ins Olympische Dorf und gingen zu Bett. Kurze Zeit später wurden die israelischen Trainer und Schiedsrichter, die im Appartement 1 untergebracht waren, von Geräuschen geweckt.
5. September, ca. 4:30 Uhr
Das palästinensische Kommando versuchte, sich Zugang zum Appartement zu verschaffen. Der Ringkampfrichter Yossef Gutfreund erkannte die Gefahr sofort und versuchte, die Tür zuzudrücken, um seinen Kameraden die Flucht zu ermöglichen. In diesen wenigen Sekunden gelang es dem Trainer der Gewichtheber, Tuvia Sokolsky, durch eines der hinteren Fenster zu entkommen.
Die Männer des „Schwarzen September" fesselten die Sportler und drangen dann in das Appartement 3 ein, in dem die israelischen Ringer und Gewichtheber schliefen. Die schwer bewaffneten Geiselnehmer schossen auf jeden, der sich ihren Anweisungen widersetzte. Moshe Weinberg starb durch die Schüsse der Geiselnehmer. Yossef Romano kämpfte mit seinen Verletzungen, bevor er ihnen vor den Augen seiner Kameraden erlag.
Die neun Sportler Yossef Gutfreund, Kehat Schor, Amitzur Shapira, Yakov Springer, Mark Slavin, Andrei Spitzer, Eliezer Halfin, Ze’ev Friedman und David Berger waren der Gewalt ihrer Geiselnehmer ausgeliefert. Von bewaffneten Kommando-Mitgliedern bewacht, mussten sie über Stunden hinweg im Schlafzimmer ausharren, die Leiche ihres Kameraden Yossef Romano vor sich liegend.
Draußen verhandelte Issa, der Anführer der Geiselnehmer, mit dem Krisenstab. Am späten Nachmittag durften Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und Walther Tröger, der Bürgermeister des Olympischen Dorfes, das Zimmer betreten. Genscher fragte die israelischen Sportler, ob sie damit einverstanden wären, mit ihren Geiselnehmern nach Kairo ausgeflogen zu werden. Sie stimmten zu.
Fürstenfeldbruck
In zwei Hubschraubern wurden die neun Sportler zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck gebracht. Im westlich stehenden Hubschrauber saßen Gutfreund, Schor, Slavin, Spitzer und Shapira, aneinander gefesselt. Springer, Halfin, Friedman und Berger befanden sich knapp 20 Meter entfernt im anderen Hubschrauber in derselben Situation.
Bald nach der Landung fielen die ersten Schüsse. Die Schützen der Polizei hatten das Feuer auf die Geiselnehmer eröffnet. Diese erwiderten das Feuer und nahmen den Tower unter Beschuss. Die israelischen Sportler starben durch die Kugeln der Palästinenser ‒ einzig David Berger überlebte seine Schussverletzungen zunächst. Er starb schließlich im brennenden östlichen Hubschrauber an einer Rauchvergiftung.
Über 20 Stunden waren die israelischen Sportler den Geiselnehmern schutzlos ausgeliefert gewesen. Aneinander gefesselt und mit vorgehaltenen Waffen bedroht, saßen die neun Geiseln in den beiden Hubschraubern auf dem Flugplatz in Fürstenfeldbruck. Sie waren jeder Handlungsmöglichkeit beraubt und starben im Kugelhagel.
Ihre Stimmen fehlen. Umso wichtiger ist es, an ihre brutale Ermordung im September 1972 zu erinnern und das Gedenken an die israelischen Sportler, Ehemänner, Familienväter und Söhne wach zu halten. Mögen sie nie vergessen sein.