Hintergrund
Das Olympia-Attentat ereignete sich vor dem Hintergrund des sogenannten Nahost-Konflikts. Kern des Nahost-Konflikts sind konkurrierende Gebietsansprüche Israels und verschiedener, rivalisierender palästinensischer Gruppen auf das Land zwischen Jordan und Mittelmeer.
Infolge des Zweiten Weltkriegs und der Shoah wurde 1948 auf ehemals britischem Mandatsgebiet der Staat Israel als Zufluchtsort für Menschen jüdischen Glaubens gegründet. Die UN hatte die Aufteilung der Region in israelische und palästinensische Gebiete beschlossen. Die arabischen Staaten lehnten die israelische Staatsgründung ab. Es folgten zahlreiche bewaffnete Auseinandersetzungen.
Im sogenannten Sechstagekrieg von 1967 eroberte Israel Teile der palästinensischen Gebiete; viele der dort lebenden Menschen verloren ihre Heimat. Der Nahost-Konflikt ist bis heute nicht gelöst.
Nach der Niederlage der arabischen Staaten im Sechstagekrieg gegen Israel im Juni 1967 entwickelte sich die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unter Jassir Arafat zu einem eigenständigen politischen Akteur im Nahen Osten.
Die Fatah, eine Fraktion innerhalb der PLO, kämpfte als palästinensische Guerillaorganisation gegen Israel. Der „Schwarze September" war ein militärischer Arm der Fatah. Als ihr Gründer gilt Salah Khalaf, auch bekannt unter dem Kampfnamen Abu Ijad.
Der Name „Schwarzer September" ging auf den Krieg zwischen palästinensischen Gruppen und den Streitkräften Jordaniens im September 1970 zurück. Für die Geschichte der Palästinenserinnen und Palästinenser stellten diese Kämpfe eine Zäsur dar: Viele Tausende von ihnen starben in diesem Krieg.
Die Mitglieder des „Schwarzen September" verübten Anschläge auf die israelische Zivilbevölkerung, auf israelische Einrichtungen und auf Politiker verschiedener nordafrikanischer und arabischer Staaten. Ihr erklärtes Ziel war es, durch Anschläge auf das Schicksal der Palästinenserinnen und Palästinenser aufmerksam zu machen und weltweite Medienöffentlichkeit herzustellen.
Der Ranghöchste des Kommandos war Mohammed Daoud Oudeh, auch bekannt als Abu Daoud. Er war der strategische Kopf hinter der Geiselnahme von München. Die Wahl der Olympischen Spiele begründete Abu Ijad später damit, dass das Internationale Olympische Komitee eine eigene palästinensische Mannschaft abgelehnt habe.
Im Frühjahr 1972 fanden in Beirut mehrere Treffen statt, bei denen sich Abu Ijad für eine bewaffnete Aktion in München aussprach. Das Hauptziel bestand darin, „palästinensische Freiheitskämpfer" aus israelischen Gefängnissen freizupressen und die Welt auf das Schicksal der Palästinenserinnen und Palästinenser aufmerksam zu machen.
Zum Anführer des Kommandos wurde Mohammed Mussalha ernannt, der sich während der Geiselnahme „Issa" nannte, zu seinem Vertreter Yussuf Nazzal („Che Guevara"/„Tony"). Issa und Tony lebten bereits Monate vor der Geiselnahme in München. Sechs weitere Kommando-Mitglieder reisten erst kurz vor dem Attentat an und erfuhren wohl erst in München von dem Plan.
5. September, ca. 4:00 Uhr
Am 5. September, kurz nach 4 Uhr morgens, stiegen die acht Männer über den zwei Meter hohen Maschendrahtzaun, der das Olympische Dorf umgab, und gingen zur Unterkunft der israelischen Sportler in der Connollystraße 31. Sie hatten Sporttaschen dabei, in denen sich Maschinenpistolen und Handgranaten befanden.
Der Kampfrichter Yossef Gutfreund stemmte sich gegen die Tür und ermöglichte seinem Teamkollegen Tuvia Sokolsky die Flucht. Auch Dan Alon, Gad Tsabari, Yehuda Weinstain, Henry Hershkovitz, Zelig Shtorch und Shaul Ladany konnten fliehen. Auf Moshe Weinberg und Yossef Romano, die sich widersetzten, eröffneten die Kommando-Mitglieder das Feuer. Weinberg starb sofort, Romano erlag später seinen Verletzungen.
Um kurz vor 5 Uhr wurden der Polizei Schüsse gemeldet.
Am frühen Morgen warf Issa eine maschinengetippte Erklärung aus dem Fenster. Darin forderten die Geiselnehmer die Freilassung von 326 in Israel inhaftierten Palästinenserinnen und Palästinensern, außerdem die Freilassung von Kōzō Okamoto sowie von Ulrike Meinhof.
Dies sollte bis 9 Uhr geschehen. Zudem verlangte das Kommando, mit den israelischen Geiseln in ein arabisches Land ausgeflogen zu werden. Für den Fall, dass ihre Forderungen nicht erfüllt würden, drohten die Geiselnehmer damit, alle Geiseln zu töten.
Der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber erreichte das Olympische Dorf gegen 5:40 Uhr. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und der bayerische Innenminister Bruno Merk bildeten mit Schreiber den Kern des Krisenstabs. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt bevollmächtigte den Krisenstab, alles Nötige zu tun, um die Geiseln zu retten.
Zunächst gab es verschiedene Pläne, die Connollystraße 31 zu stürmen. Eine Überlegung, die Geiselnehmer mit Kampfgas zu betäuben, wurde aufgrund von Sicherheitsbedenken verworfen. Das Angebot, ranghohe deutsche Politiker als Ersatzgeiseln zu nehmen, lehnten die Kommando-Mitglieder ab.
Die israelische Regierung ließ gegen 11:15 Uhr durch ihren Botschafter Eliashiv Ben Horin mitteilen, dass eine Freilassung der Inhaftierten nicht in Frage komme. Man werde sich nicht erpressen lassen. An dieser Entscheidung hielt Premierministerin Golda Meir auch im weiteren Verlauf fest. Ben Horin betonte, Israel vertraue auf die Entscheidungen der deutschen Behörden.
Im Lauf des Tages versammelten sich immer mehr Menschen im Olympischen Dorf. Die Münchner Polizei schätzte, dass rund 70.000 Zuschauerinnen und Zuschauer an den Ort des Geschehens drängten. Hinzu kamen Tausende von Reporterinnen und Reportern. Sender aus aller Welt berichteten live und filmten die Vorbereitungen der Polizei. Dass auch die Geiselnehmer im Appartement über Fernseher verfügten, bedachte niemand.
Issa forderte kurz vor Ablauf des auf 17 Uhr festgesetzten Ultimatums, sein Kommando mit den Geiseln nach Kairo auszufliegen. Der Krisenstab wollte sich zunächst vergewissern, dass die Geiseln mit dem Abflug einverstanden waren. Issa ließ Gutfreund, Spitzer und Schor gefesselt an ein Fenster führen; sie bestätigten den Wunsch.
Issa gestattete daraufhin Genscher, Tröger und Merk, das Haus zu betreten. Sie fanden die neun Sportler eng beieinander sitzend und gefesselt vor, bewacht von fünf Geiselnehmern. Unter einem Laken lag die Leiche des erschossenen Yossef Romano. Die Geiseln bestätigten in erkennbarer Todesangst den Wunsch, nach Kairo ausgeflogen zu werden.
Die Entscheidung
Genscher, Tröger und Schreiber kamen überein, dass sie auf die Forderung nicht eingehen könnten: Als souveräner Staat dürfe die Bundesrepublik nicht dulden, dass Geiselnehmer ausländische Gäste auf fremdes Territorium entführten. Keiner der arabischen Staaten war auf die diplomatischen Bemühungen Willy Brandts eingegangen.
Die Verantwortlichen entschieden, den Geiselnehmern vorzutäuschen, dass sie mit den Sportlern ausgeflogen würden. Auf dem Weg zu einem angeblich abflugbereiten Flugzeug sollten die Einsatzkräfte die Geiselnehmer zunächst im Basement des Olympischen Dorfes überwältigen — alternativ auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck.
Fürstenfeldbruck
Der spätere Einsatzleiter Georg Wolf sprach sich dafür aus, die Geiseln auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck zu befreien: ein Bundeswehr-Flughafen, leicht zu räumen, mit Deckungsmöglichkeiten. Ab 18 Uhr bereiteten Wolf und seine Beamten den Einsatz vor.
Da ein Zugriff in Fürstenfeldbruck lediglich als letzte Option galt, wurde mit nur fünf Polizeischützen geplant. Diese waren nicht speziell für einen solchen Einsatz ausgebildet. Drei wurden auf dem Dach des Towers positioniert, einer hinter dem Signalgarten, einer hinter einem Einsatzwagen. Funkgeräte standen nur den Schützen auf dem Tower zur Verfügung, nicht den beiden auf dem Gelände.
Wolfs Plan sah vor, so viele Geiselnehmer wie möglich zu erschießen, bevor sie das Flugzeug erreichten. Das Schussfeld wurde mit „Lichtgiraffen" ausgeleuchtet. Polizisten, dürftig als Flugpersonal getarnt, sollten im Flugzeug warten — schlecht ausgerüstet und kaum geschützt: ein Himmelfahrtskommando.
Die israelischen Sicherheitsexperten Zvi Zamir (Mossad) und Viktor Cohen trafen im Olympischen Dorf ein. Der Krisenstab lehnte es ab, sie in die Vorbereitungen einzubeziehen.
Meine Anwesenheit war ihnen lästig. […] Ihre Ablehnung war so stark, dass sie tatsächlich versuchten, uns vom Olympischen Dorf fernzuhalten.
— Zvi Zamir, zit. n. Aaron J. Klein: Die Rächer, München 2006, S. 79
Zeitgleich hatte der geplante Einsatz im Basement Gestalt angenommen. Issa verlangte gegen 20:30 Uhr einen Probegang und wurde misstrauisch. Er forderte, die gesamte Strecke mit einem Bus zurückzulegen. Der Plan, die Geiseln im Untergeschoss zu befreien, war damit gescheitert.
Um 21:36 Uhr stand die Lufthansa-Maschine in Fürstenfeldbruck bereit. Wolf flog um 21:43 Uhr mit den fünf Schützen zurück nach Fürstenfeldbruck.
Um 22:06 Uhr führten die Geiselnehmer die gefesselten Geiseln in einen Bus, der sie zu den Helikoptern brachte. Je vier Geiselnehmer setzten sich zu den Geiseln in die beiden Hubschrauber.
Erst beim Einsteigen konnte Polizeipräsident Schreiber die genaue Anzahl der Geiselnehmer feststellen: Statt fünf waren es acht. Diese entscheidende Information gab er jedoch nicht nach Fürstenfeldbruck weiter — er ging davon aus, die dortige Einsatzleitung habe sie bereits.
22:30 Uhr
Kurz nach 22:30 Uhr landeten die beiden Hubschrauber nebeneinander. Die vier Piloten stiegen aus und schoben die Türen zu den Passagierräumen auf. Doch zwei bewaffnete Geiselnehmer hinderten sie daran, sich abzusetzen.
Einsatzleiter Wolf wusste noch immer nicht, um wie viele Geiselnehmer es sich handelte. Die Rotorblätter warfen große Schatten, in denen sich die Geiselnehmer verstecken konnten — ein bei der Planung am Tag nicht bedachtes Detail. Als Issa und Tony das leere Flugzeug sahen, erkannten sie die Falle und rannten zu den Helikoptern zurück.
Erst als Issa und Tony den östlichen Hubschrauber fast wieder erreicht hatten, schossen die Polizeischützen. Ein Schusswechsel entbrannte; die Geiselnehmer nahmen den Tower unter Dauerbeschuss. Die beiden Schützen auf dem Gelände konnten kaum eingreifen.
Polizeipräsident Schreiber wies den Beamten Anton Fliegerbauer und zwei Kollegen an, die Schützen auf dem Gelände zu unterstützen. Als Fliegerbauer das Towergebäude verließ, wurde er von einem Schuss der Geiselnehmer getroffen. Er verstarb an Ort und Stelle.
Der israelische Experte Cohen wandte sich per Megafon auf Arabisch an das Kommando: „Ergeben Sie sich. Retten Sie Ihr Leben." Die Antwort war ein Kugelhagel.
Um kurz nach 23 Uhr kursierte das Gerücht, alle Geiseln seien befreit worden. Reuters verschickte um 23:31 Uhr eine Eilmeldung: „Alle israelischen Geiseln wurden befreit." Die dpa übernahm sie. Gegen Mitternacht erklärte Regierungssprecher Conrad Ahlers, die Polizeiaktion sei erfolgreich gewesen. Die vermeintlich gute Nachricht ging um die Welt und erreichte auch die Angehörigen. Sie entbehrte jeglicher Grundlage.
Das Ende
Erst gegen 23:50 Uhr trafen sechs Panzerwagen aus München ein. Als Wolf sich den Hubschraubern näherte, wurde er beschossen. Einer der Geiselnehmer warf eine Handgranate in den östlichen Hubschrauber. David Berger starb dort an einer Rauchvergiftung. Die anderen acht Geiseln waren bereits zuvor erschossen worden.
Fünf Geiselnehmer, unter ihnen Issa und Tony, waren erschossen worden; drei überlebten und wurden festgenommen. Knapp 90 Minuten nach der Landung war der Einsatz gescheitert: Keine der Geiseln konnte gerettet werden.
Alle von arabischen Guerillas gefangenen israelischen Geiseln sind tot.
— Reuters, korrigierte Eilmeldung, 3:17 Uhr